Die Geographie der Demiurgen

Ein Projekt im Rahmen des Nanowrimo 2023

All die Zeit! Mit vollen Händen haben wir sie zum Fenster rausgeworfen. Es gab ja so viel davon und wir wollten unbedingt unsere Welt zum Leben bringen. Doch es waren, letzten Endes, Totgeburten. Heute, fast zwanzig Jahre danach, drängt es uns, Rechenschaft abzugeben, fordern wir uns auf, die Vergangenheit mit Kritik zu durchforsten. Wir haben nur noch wenig Zeit. Wir wollen wissen, woher wir kamen und wohin wir gingen, ja: entscheiden, ob wir überhaupt in der Virtuellen Ralität weiterleben wollen. Lebenszeit, nur ein Bruchteil bleibt uns von ihr: hier wie dort.

Es ist die Geschichte einer Demiurgin mit Namen Kari Inouri. Ein, trotz all der heutigen Drehungen und Wendungen im Identitätskarussel, zutiefst weiblicher Avatar, gleichsam alterslos jung, so wie es Avatare meist zu sein pflegen. Niemand aber vertraue dem Alter!

Die Akteurin ist fast zwanzig Jahre alt. Nicht reales Lebensalter, wie sie es als unbedarfte Leser wohl denken wollen, sondern Alter auf dem Grid. Ihre Geburt fand in den Synapsen der Netzwerke statt, die uns zunehmend entwirklichen. Mit dem Login entleiben wir uns und die Uhr beginnt zu ticken. Plötzlich sind wir 20 Jahre alt – es sei denn, der Avatar wurde wieder mal gewechselt. Schon William Gibson hat von diesem Plug In geschrieben, lange bevor die Demiurgen der Virtuellen Welt geboren wurden.

Warum Demiurgin? Platon hat den Begriff geprägt. Aus dem Handwerker der Antike machte er den Schöpfergott, der die Welt auf vernünftige Weise planmäßig errichtet. Das ist es auch, was Demiurgen heute tun: virtuelle Welten erschaffen, in bestem Glauben, am Stand der Zeit. Sie sind Handwerker und Künstler zugleich, Kunstwesen allemal.

Doch bald schon verkehrt die philosophische Kritik den schöpferischen Gott Platons ins Gegenteil. Aus dem Vollkommenen wird der Mangel, die Demiurgin zu der, die das Fehlbare in die Welt setzt: eine Torin mit Hang zum Unheil. Und so sehen wir die Demiurgin auch als Gescheiterte, die die pompösen Räume des Hypergrid durchwandert, die sie mit ihrer Übergrösse verhöhnen.

Die Geographie will noch kurz beschrieben sein. Wir bewegen uns auf fragwürdigem Gelände. Es ruckelt, es kreischt. Ein falscher Spielzug und die Pixel richten sich zugrunde. Ätherische Wesen sind es, diese virtuellen Welten. Unsere Gegographie versucht sie zu begreifen: ihre physische Erscheinung, ihre Phantastereien und den Raum, in dem Alles geschehen soll. Jeder Demiurg erkennt jedoch sofort die Schwachstellen einer derartigen Unterfangens: zuviel Bemühen um die Objekte und ein eklatanter Mangel an Spielraum! Hat da die Phantasie den vielbeschriebenen Streich gespielt? Die Fragilität fordert letzendlich ihren Tribut: Download und Delete.

Wir schliessen diese Zeilen ab, die Lust auf Erklärung und Detail machen wollen. Mit dem Disclaimer: Niemand erwarte von diesem Text aber mehr, als das Fragment zu sein, das er ist; ein rasch skizziertes Produkt des NanoWriMo2023.

Die Demiurgen rufen Kari zu: “So, und jetzt beginn zu leben, so du nur kannst.” Und sie geht ihren Weg, mindestens dreissig Tage lang projiziert sie zwanzig Jahre Virtual Reality.

“Wie ein Origamitrick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, das sich in die Unendlichkeit dehnte (…) Und irgendwo er, lachend, in einem weiss getünchten Loft, die fernen Finger zärtlich auf dem Deck, das Gesicht von Tränen der Erleichterung überströmt.”

William Gibson, Neuromancer, 1984

“Virtual Reality is a technology that concinces the participant that he or she is actually in another place by substituting the primary sensory input with data received by a computer (…) when the virtual world becomes a work space and the user identifies with the virtual body and feels a sense of belonging to a virtual community.”

Michael R. Heim, Scientist

“I am a bricklayer, not an artist. I have always struggled with the automatic definition of a builder in Virtual Worlds as an artist. I perceive my approach as more technical, conceptual, scientific, strategic and yes, maybe political – but not artistic. My builds are not a reproduction of my fantasy but rather of some existing reality. With them I want to show the long lost, the unreachable, the unseen to the visitors of my regions.”

Tosha Tyran, Builder on Craft World

“Welcome Friend! This is a Writers' Colony. We sit around and talk about writing :–) But please be patient,  this world may take some time to open. And just like any good book it also takes some time to explore. Grab a boat, or wander on foot. Come back again :–)”

Arton Tripsa, Builder on Kitely

Sie hatte schon viele Namen im Laufe ihres fast zwanzigjährigen Lebens: Margaux, Ojal, Divija, Sylvie und dann: Kari Inouri. Ausgespuckt in einem Welcome Center von Second Life lernte sie schon bald die ersten Schritte in dieser faszinierenden Welt kennen. Es waren die Routinen gelungener Tastenkombinationen, die das Sitzen, das Gehen, ja sogar das Fliegen ermöglichten und so den Forscherdrang ihres Avatars erst ermöglichte. Wenn erst die Finger gehorchten, würde der Geist schon bald folgen. Nach wenigen ungeschickten Versuchen gelang dann die Bewegung auf dem Grid. Eine Welt voller Wunder erschloss sich, die es zu entdecken galt. Kari war unter den Ersten, schon mit von der Partie, als Second Life noch ein Geheimtip war. Ein anderes Leben? Sie hatte auf IRC über dieses unbekannte Territorium gelesen, das die Presse zum Vergleich mit den Entdeckungen des Christoph Kolumbus herausforderte. Im gleichen Zug stellten sie dort auch noch den Reichtum der spanischen Konquistadoren in Aussicht. Kari war nun eine von ihnen!

Auch Der Spiegel war enthusiasmiert – und widmete dem Phänomen Second Life gleich ein Tagebuch, in dem die Welten und Phänomene erforscht und die neuen Konquistadoren “embedded” begleitet wurden. Die Zeit betrieb 2007 sogar Zukunftsforschung und gerierte sich wieder einmal als weise Tante: “Second Life gilt deshalb als Vorbote des künftigen Internets. Es verwirklicht eine lang gehegte Utopie unter Computerexperten, Science-Fiction-Autoren und Zukunftsforschern: Virtuelle und reale Welt verschmelzen.” Na ja, es sollte wohl ein wenig anders kommen!

Aber bleiben wir noch einige Zeit in den Anfangszeiten dieser Neuen Virtuellen Welt. Endlich! In der Eintönigkeit der globalisierten Welt mit seinen Wochenend – Städteflügen, Urlauben am Meer, eintönigen Flughäfen und ewiggleichen Hotels gab es nun einen neuen Kick fürs Bewusstsein, etwas gänzlich Unbekanntes. Dies schien voller Möglichkeiten und Abenteuer zu sein. Optimismus überall: Linden Dollars für die einen, gelungene Demokratie für die Anderen, aufregende Welten für die allerorts Reisenden, Fun Factor für die Meisten. Staunen auch: Was das Internet denn nicht alles konnte! Vielerorts betätigten sich auch auch weissbärtige Verschwörungstheoretiker mit langen Haaren. Auch Althippies, die sich damals schon gerne in ihren Welten abkapselten und ihre Phantasien abfeierten. Natürlich: ein grossartiger Ort, den sehr privaten und verhängnisvollen Hang zum Eskapismus ausleben zu können. Viele wollten bedient werden! Selbst die Star-Trek-Apologeten.

Paradiese entstanden, Elfenreiche, Industriefriedhöfe, aber auch mittelalterliche Welten, die sich in literarisch inspirierter Tyrannei übten: ein wenig Gor hier, ein wenig Gegenerde dort. Den verkappten Frauen (die insgeheim wahrscheinlich Männer waren) schien das Joch zu gefallen, das sie beflissen auf sich nahmen. Alles war eitel Wonne! Wie immer, wenn damals von digitalen Utopien erzählt wurde, glaubten viele fest daran: an funktionierende Kommunikation, unerschöpfliche Kreativität, das Gute im Menschen und dass der Markt alles regeln würde. Eine strahlende Zukunft würde entstehen. Die negativen Phänomene nahm man gerne hin: Antidemokraten, Freiheitsapologeten, Griefer, Copybot – User und Pädophile. Das würde sich schon einrenken, eine Aufgabe für die vielen Lindens, die auf dem Grid im Auftrag von Linden Lab als lustige Avatare verkleidet herumschwirrten! Auch die Pädagogen bastelten an ihren Lernumwelten in Second Life und faselten von Immersion und Neuem Lernen: virtuelle Universitäten entstanden, um Jahre später wieder zu schliessen. Angelockt durch den medialen Hype vom Reichtum, den man in virtuellen Welten gewinnen konnte, beschlossen zudem reale Unternehmen, ihre Firmensitze in den Virtuellen Welten abzubilden. Adidas, Dell, DaimlerChrysler – alle hatten sie ihren virtuellen Firmensitz auf gemieteten Inseln, so als könnten sie etwas versäumen. In Wirklichkeit ging es nur um ein Geschäftsmodell mit seinem Kernstück, dem Linden Dollar, der in einer eigens geschaffenen Bank in harte Währung Dollers getauscht wurde. Doch davon später.

Schon 2004 hatte Kari ihren ersten Account und rieb sich “in-world” (ja, so sagte man das damals voller Stolz) vor Verwunderung die Augen. Auf den Sandboxen summte es von Kreativen, zahlreiche Gutmenschen und Wichtigtuer stellten ihre Freebies in zu gross geratene Markthallen zur Verfügung, der bunte Würfel wurde zum tonangebenden graphischen Element der Welten, die Kari neugierig besuchte. Kleine Läden machten auf. Market Halls entstanden. Sex allerorten, betrieben auf sogenanten pose balls, die beim Berühren ihre geschmacklosen Animationen abspulten: rosa für die Mädchen, blau für die Buben. Sex in allen Spielarten; Bondage vor allem: Knebel, Hundeleinen, Handfesseln, Halsbänder, Anleinpfosten. Gor war begeistert. Grellbunt war diese Welt, mitunter viel zu gross und schrill geraten. Eine Unmenge von Clubs entstanden, in denen sich potentielle D-Janes tummelten. Während man sich selbst beim Tanzen bewunderte, wurde in schlechter Qualität jene Musik gestreamt, die man in der realen Welt in guter Qualität hören konnte. Aber seis drum. Grossspurig optimistisch, also durchwegs prototypisch us-amerikanisch, war das Alles, fand Kari nun schon leicht distanziert. So viel Naivität, sexuelle Ungelenkigkeit und optimistische Emphase war fast schon rührend, so viel Pioniergeist bewundernswert. Der virtuelle Wilde Westen der 2000er eben: einer hauptsächlich für Erwachsene. Die Kinder waren kaum anzutreffen, die übten sich in einem für sie vorgesehenen Kindergarten und dann später voller Begeisterung bei Minecraft.

Begeistert nahm Kari immer wieder die Bahn oder das Pod auf dem Second Life Mainland und blickte in gemessener Fahrt auf die zahlreichen Bauten, die sich neben ihr materialisierten: eine ungelenke und etwas aus den Fugen geratene Welt, die aber Lust auf mehr machte. Doch in gleichem Masse, wie die Builds in die Höhe schossen, grenzten sich die Mehrzahl der Einwohner auch von einander ab und schlossen sich auf ihren Parcels ein. Überall die hässlichen gelben Streifen nun, die den Zugang zum heiligen Eigentum verwehrten: als hätte man nicht alle technischen Möglichkeiten gehabt, sich auch anders vor Griefern zu schützen. Auch der Sichtschutz zum Nachbargrundstück türmte sich mit mehr oder weniger geschmackvollen Texturen vor den Augen der Reisenden auf. Was einst schwereloses Gleiten und Fliegen bedeutet hatte, war nun als Reise fast unmöglich: Sperren, Verbote, schockierend rasches Entfernen des eigenen Avatars vom Grundstück des Anderen mittels elektronischer Wachsysteme. Wie so oft auf dem Gipfel eines Hypes: auch die Entdeckungen schienen letzten Endes erschöpft zu sein, es erschien auf dem Grid einfach nur ein Mehr vom Immergleichen. Zeit für einen Wechsel, auch im eigenen Verhalten. Nicht mehr Fly und See, sondern Stay and Build.

Nach den ersten, wildromantischen Entdeckungsflügen durch die neuen Territorien war Kari deshalb schon bald damit beschäftigt, die neue Sprache der Primitives, des Terraforming und der Skripte zu lernen. Auch sie wollte nun Builderin werden und nicht mehr nur als Besucherin an der Aussenhaut der bunten Blase kratzen! Zum engeren Kreis gehören und mitgestalten wurde zur Devise.

Doch wo die komplexen Baumethoden lernen, wenn nicht nur nach Trial und Error oder mittels Anleitung durch Erfahrene. Richtig: Tutorials im Netz! Noch heute summt Kari das enervierende Synthesizer – Jingle von Torley Lindens Second Life Videotutorien in den Ohren. Torley war in dieser Zeit das Gesicht von Second Life. Mit Begeisterung nahm er gerne auch die Ungeschickten an die Hand nahm und redete ihnen ein, dass SL immer für seine Konsumenten da war. So wie er einmal Newbie gewesen war und es bis zum Second Life “Resident Enlightenement Manager” geschafft hatte, würde es auch den Ankömmlingen gelingen, sich zu integrieren und in der informellen Hierarchie des Grids aufzusteigen. Torley stand gerne in den Welcome Centern und biederte sich an. Er war das Grün-Pink der Wassermelone, das bald zu seinem Markenzeichen wurde. Bunt wie der Grid, geschmacklos wie viele seine Residents, abstrus wie das Meiste. Daneben klotzte Torley in schöner Regelmässigkeit seine kurzen, aufgeregt hysterischen und inhaltlich dürftigen Videos in den gerade erst gegründeneten YouTube Kanal. Zack, Bumm und wieder ein wenig freundlich überdrehte Info: über Primitives, Notecards und Viewerbedienung. Wirklich gelernt hatte Kari bei dem Jungen, der später zur Frau wurde, allerdings wenig, zu fragmentarisch waren seine Botschaften. Aber wahrscheinlich war das auch nicht der Sinn seiner Auftritte, die eher gut gelungener Werbegag, denn technische Instruktion waren. Indes, seine Karriere endete spätestens, als Linden Lab seine Affäre mit der Virtuellen Welt von Sansar abrupt beendete, bei der sich “Torley immer am Ball” engagiert hatte. Ein Opfer der Konzernpolitik? Emotionales Desaster? Allüren einer Drama Queen? Grosse Teile der Community trauerten ihm jedenfalls nach. Es waren glühende Liebesbriefe, die Torley da in seine neuen Welten nachgeschickt wurden: “He was a slim young dude in flowing neon clothes who hauled his keyboard around everywhere, and though a relative newcomer, quickly charmed Second Life's citizenry with his quirky, mad creative charm.”

Noch heute, zwanzig jahre danach quäken seine Videos in Youtube. Wie gesagt, so richtig gelernt hatte Kari von ihm nichts. Sie war eher schockiert ob so viel lärmender Nichtigkeiten. Eher war er für sie ein Epiphönomen, das mehr über den frühen Geist von Second Life aussagte als über sich selbst. Sie vermisste ihn nicht: Torley Linden, die Wassermelone der Community, 2004 – 2020.

Doch bald kamen auch Tutorials auf den Markt, die sich dem Thema des Buildens in einer ernsthafteren und nüchternen Art und Weise widmeteten. Die Zahl dieser Tutorials abseits der Leutseligkeit Torleys wuchs: rasch lernte Kari die Formensprache des Grid und gewann eine gewisse Routine: begann mit ihren vielen Builds, den Sessel und Tischen, Reklamewürfeln, Hinweisschildern und Gebäuden, die sie sorgfältig mit Texturen versah und im Notfall auch skriptete. Sie liess erste Würfel rotieren, fertigte traurig-seltsam an ihren Mästen hängende Flaggen an und bastelte an Phantasieblumen. Sie wagte sich langsam an Architektur, die freilich in SecondLife eigenen Gesetzmässigkeit folgte. Sie lernte die vielen Begrifflichkeiten, um über das zunächst Unsagbare sprechen zu können: Prim, Landscaping, Alt, LSL, Sculptie, Snap to Grid, und vieles anderes mehr. Nicht nur an Videos, sondern vor allem In-world lernte man viel. Denn noch immer half man sich gerne bei der Erschaffung der Welt und war, wie alle Pioniere, auf einander angewiesen.

So viel Neues, so viel Unentdecktes! Und so viele Hickups auf den Servern von Linden Lab, die kaum mit dem Ansturm der Neugierigen zurechtkamen. Im. Jahr 2007, auf dem Höhepunkt des Hypes, hatte sich die Zahl der registrierten User/Resident auf zwei Millionen verdoppelt, 2011 waren es bereits 21 Millionen: viele Avatare waren jedoch Doppel- und Dreifachnutzer. Kaum konnten die Linden-Macher den Ansturm auf ihren Serverfarmen bewältigen. Ach, welch frustrierende Momente waren das, wenn sich die Welt wieder einmal aufhängte, wieder einmal alles Down war und man nicht wusste, was mit dem freien Abend sonst anzufangen war. Eine stotternde Welt war es, die erst mühsam das Laufen lernen musste. Doch das schreckte nicht ab, sondern war eher ein Zeichen für die Besonderheit einer Neuen Welt, die so viele kennenlernen wollten und zu der man gehören musste: koste es was es wolle. Kari war in die Szene Second Life’s mehr verwickelt, als sie tatsächlich wahrhaben wollte.

Alles sah sie nun auch im realen Leben in der Formensprache des Grid: Sitzbänke, Sofas, Hüte, Supermarktregale, Häuser, Parkanlagen. Sie skizzierte vielversprechende Objekte in ein Notizbuch und versuchte sie in-world nachzubauen: nicht immer mit Erfolg. Aber an solchem Scheitern und Korrekturen der Wirklichkeit wuchs ihr Verständnis für die Geomentrie des Baumenüs und darüber, was architektonisch möglich war und was nicht. Langsam begriff sie auch, dass die Virtuelle Welt niemals eine möglichst detailgetreue Nachbildung der Realität sein konnte, sondern ihren eigenen Gesetzmässigkeiten folgte. Diese auszuloten war sie angetreten. Und bis heute machte sie wohl nichts Anderes.

Willkommen also bei diesem Intermezzo, das als virtuelles Welcome Center gelten kann. Den Leser eifertig an die Hand genommen, um zu zeigen, wie ein Buch auch funktionieren kann. Zu lesen beginnen und dann umblättern, wenn die Seite zu Ende geht. Dazwischen atmen und den Blätterfinger nass machen. Sich das Getränk zurecht rücken oder vielleicht auch eine Zigarette. Ist es denn so schwer, mit dem Lesen zu beginnen? Schreiben ist noch viel schwerer. Beides eigentlich sinnlos, in Zeiten der Bilderschwemme.

“Immer diese Welcome Centers, auf denen man automatisch nach dem Einloggen in einen Grid landet”, dachte sie genervt. “Kann das nicht mal anders gehen?” Nur ungern wird Kari Inouri auf ihren gegenwärtigen Reisen im Hypergrid daran erinnert, wie unsicher sie einst war, damals, im Jahr 2005 in Second Life. Noch nie zuvor hatte sie einen Avatar besessen, noch nie zuvor war sie ins Kleid dieser seltsamen Echse geschlüpft, die sie sich auf der dazugehörigen Website hatte aussuchen dürfen. Hässliche Echsen, allesamt!

All diese Fragen: Welcher Avatar wollte man werden? Wen sollte man aus dem bereitstehenden Angebot aussuchen? Und wie wollte man eigentlich aussehen? Mann, Frau, Furry? Naives Heimchen, Fashionista oder Urban Resident? Femme Fatale vielleicht oder penisverunstalteter Muskelprotz? Das waren schwierige Entscheidungen, die zu treffen waren. Völlig sicher war sich Kari damals nicht, ob man später in-game wieder alles rückgängig machen könne. “Was liegt, das pickt”, hatte man bei ihr zuhause bedeutungsschwer angesichts schwieriger Situationen gemurmelt. Da zögerte man gerne, bis die Chance an einem vorbeigezogen war. Unsicherheit hatte sich vor ihrem Computer breitgemacht, eine Aufregung, derer sie sich bis heute nicht gänzlich hatte entledigen können. Noch sass man als zögernde Person hinter seinem Keyboard und schon bald würde man in einer fremden Spielewelt den neuen C.h.a.r.a.k.t.e.r. annehmen und zu seinem Namen und Aussehen stehen müssen. Was heute für Gamer als Routine gilt, war damals ein prekärer Entscheidungsfindungsprozess. “Nur nicht mit dem frisch gewählten Avatar scheitern!”, war Karis oberste Devise. Zitternd lagen die Hände am Keyboard.

Die ersten Momente in der Virtuellen Welt. Mutig auf den Button der SL-Anmeldeseite gedrückt und nach wenigen Sekunden aufmerksamer Spannung war man im Welcome Center angelangt. Damit hatten sich die Architekten von Linden Lab grosse Mühe gemacht, denn allzu schnell loggten sich die Zaghaften wieder aus, wenn ihre Spielerwartung enttäuscht wurde, auf Nimmer-Wiedersehen. Kundenbindung war aufzubauen, die Konsumenten sollte man easy hineinschlittern lassen in das Inferno des Konsumierens und erst dann auspressen wie eine Zitrone. Kari konnte sich gar nicht mehr so richtig erinnern, welche Erwartungen sie damals gehabt hatte. Möglicherweise es nur die Eine gewesen: Nicht an sich scheitern zu dürfen.

Enter also trotz all der Bedenken und die Novizin erschien vor ihren Augen am Bildschirm im neuen Gewand einer dichtgepackten, rötlich schimmernden Wolke: als erster Avatar ihres Lebens, mit ungewohntem Namen und blödem Gesicht. Der Avatar materialisierte und sah schlimmer aus, als man befürchtet hatte. Er hatte nichts von dem Traumgebilde, das man sich erwartet hatte. Aber allen ästhetischen Zweifeln zum Trotz: es gab diese Neue Welt tatsächlich, mit ihrem Wegesystem, den Verweilinseln, den blassen Texturen, Bäumen, Sträuchern und sprachlich schlampigen Erklärungen auf überdimensionalen Schildern. Zudem gab es da auch noch andere Avatare, die, wie man gerade selbst, sich zunächst als Wolken, dann als Avatare materialisierten und blöde vom Himmel fielen. Schnell weg aus dem Bereich, wo alle spawnten und einem mir nichts dir nichts auf den Kopf sprangen, vom Nirgendwo kommend. Denn die neu geborene Kari war im Landebereich stehen geblieben, voller Erstaunen über die Welt, die sich langsam auf ihrem Bildschirm aufbaute. Sie war voller Angst, nicht zu wissen, was in den kommenden Momenten geschehen würde und wie sie sich dabei verhalten sollte. Da ging sie am Besten den Leuten aus dem Weg, hin zu einer stillen Ecke.

Oh Gott, war man als Neue ungeschickt und unbedarft. Ein Newbie eben, wie sie rasch den Namen dafür lernte; eine unbedarfte, naive Tussi, die nichts mit sich und den anderen anzufangen wusste. Gottseidank wankten auch die anderen Ankömmlinge im virtuellen Raum herum, ungesteuert, übersteuert, falsch gesteuert. Shift irgendwas, control anderswo, vorwärts, rückwärts – das neue Alphabet der Tastatur, mit der man diese Welt bedienen konnte, war unbekannt und sollte gelernt werden. Man hätte es auch anderswo, in anderen Spielen, nicht beherrscht, so dumm war man noch, spielerisch eine Katastrophe. Fest stand: Zu den IT – Nerds und Spielefreaks hatte man nie gehört. Auch deshalb stand man hier so dumm herum. Eine Veränderung der eigenen Haltung stand an, selbst musste man ein Freak werden, das war in den kommenden Monaten unbedingt zu leisten. Denn merkwürdig sah man schon aus, in dieser neuen Erscheinung, die Pinocchio mehr ähnelte als realen Menschen. Pumuckls, die herumstolperten, sich in Ecken festsetzten und andere Mitspieler über den Haufen rannten. Sooo schlimm! Soooo peinlich!

Jetzt war man mit Ach und Krach auf der nächsten Lerninsel angekommen, wo man Leute stehen sah, die sich weniger hektisch gaben. Viele von ihnen hiessen Linden, gehörten wohl zu einer Familie mit guten Absichten und schlechter Moral. Erfahrene Helfer, denen man Fragen stellen konnte. Agenten der Macht. Linden Lab Gesandte. Vorwärts, rückwärts, stehen geblieben, zittern. Aber nun, da man vor jemand stand, und angesprochen wurde mit “Hi! Can I help you?” – wie konnte man da selbst kommunizieren? Wie antwortete man jenen, die lässig auf den flachen Scheiben standen, die man als Neue Welt identifizierte? Eine Peinlichkeit war das wohl, besonders als der hilfsbereite Geist fortfuhr mit seiner Rede, die damals noch in einer kleinen Blase oberhalb seines Kopfes erschien. “Type somethig into the chat field at the bottom of your screen.” Stimmt, die Bedienerführung war ja auch noch da. Auf die hatte die neugeborene Kari völlig vergessen angesichts der Sonderbarkeiten, die sich hier auf diesem Bildschirm abspielten. Und man tippte, klopfte enter und war ein Avatar aus Fleisch und Blut. Tippfehler egal, ungelenkes English egal, Redundanz egal. Ein nunmehr sprechendes Wesen, aufgehoben in der Obhut eines Anderen. Eines Linden, den man sein körperliches Wohl anvertrauen konnte, und der einem die eigene Naivität und Dummheit mit Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Verführung vergalt. Man war geboren und wurde betreut: ach, wie schön! Noch war alles nett, noch war alles dazu da, einem das Leben erträglich zu machen, alles war ein Lernanlass zur Avatarwerdung. Ein Geburtsprozess in einer Welt, die, wie es schien, aus der eigenen Körperlichkeit, der umgebenden Architektur und einer wundersamen Gemeinschaft bestand, die Linden mit Nachnamen hiess.

Und schon bald, wenige Stunden nach der Landung konnte man sich im Welcome Center bewegen, gehen, laufen, fliegen, stehen bleiben. Und sprechen. Andere ansprechen, mit anderen sprechen, antworten! Diesen seltsamen Standardvatar etwa, der in in einer der Ecken eines halboffenen Gebäudes in einer Ecke vor sich hinzuckte und dabei immer in die Ecke hineinrannte, vor der er stand – diesen konnte man einfach ansprechen. Aber keine Antwort, der war einfach abgeschmiert ins Nirvana. Man bleibe vor solchem Schicksal verschont!

Doch lassen wir die alten Unsicherheiten unserer Heldin hinter uns und sprechen von einem Welcome Center der Gegenwart. Liess sie die alten Ängste des Nichtgenügens von damals gar nicht erst aufkommen, fand Kari die inzwischen Erprobte, waren diese Welcome Centers eigentlich ganz erträglich, athmosphärisch freundlich und technisch hilfreich. Das konnte man von vielen Plattformen, die heutzutage im Hypergrid für ein Willkommen sorgen sollten, wohl nicht sagen. Waren die Neuankömmlinge von heute geschickter, erfahrener, abgebrühter? Waren das Spieler, die sich ohnehin schon auf anderen Grids die Hörner abgestossen hatten und auf deren Wohlergehen man als Gridbetreiber einfach pfeifen konnte?

Es war natürlich so: Kari Inouri von Heute nutzte schon längst das verbrannte Second Life nicht mehr, sondern kam ganz dezentral und mit Open Software daher. So richtig begonnen hatte alles mit den Eskapaden der alten weissen Männer, die ihre Virtuellen Welten und Sozialen Medien mit hohen Mauern eingezäunt hatten und nichts zuliessen, worüber sie nicht die absolute Kontrolle hatten. Viele User “verzogen” sich deshalb in die dezentralen Dienste und zur freien Software, nannten es aber hochtrabend Flucht, so als hätten sie keine Entscheidung zu fällen, wo sie ihre Zeit verbringen wollten. Hier im Hypergrid und Fediverse war das Leben gemütlicher und vor allem billiger. Die Mauern, die man bei anderen verachtete, baute man sich als KonsumentIn nun selber, die Gesellschaft, die man bevorzugte, suchte man sich selber aus und litt an ihr trotzdem wie ein Tier.

Der Prozess der Dezentralisierung hatte inwischen auch in den virtuellen Welten stattgefunden, Second Life war verbrannt, inzwischen zu einem Konsumtempel verkommen, dem man nicht nachtrauerte, für den man sich letzten Endes viel zu gut fand. Also statt Second Life doch irgend ein gehosteter Open Simulator! Kari hatte schon vor Jahren den Hypergrid besucht, dabei das Engagement der Betreiber